8 Fragen an Andrea Milde

Andrea Milde "2017"

Seit über 30 Jahren widmet sich Andrea Milde der extrem zeitaufwendigen Kunst der Bildwirkerei. Sie hat uns 8 Fragen zu Ihrer künstlerischen Tätigkeit beantwortet:   

Was fasziniert Sie an der Arbeit mit Textilien?

Ich bin in einem Haushalt ohne Mann großgeworden, in dem der Fernseher sehr spät Einzug gehalten hat. Beides führte dazu, dass ich unzählige Nachmittage, Abende und ganze Wochenenden mit meiner Mutter in der Küche gesessen habe, um zu stricken oder zu sticken. Ich denke, was ich damals schon gefühlt habe, ohne ihm einen Name geben zu können, und was ich heute immer noch spüre, wenn ich mich an den Webstuhl setze ist eine tiefe Ruhe die mich erfüllt, ein Einklang meiner selbst mit meiner Umgebung bis hin zu einer Selbstvergessenheit, die ich als extrem spirituell empfinde, wie sonst nur im bewussten Erleben der Natur.

Foto: Jon Palomar

 

Welche Technik verwenden Sie?

Die klassische Bildwirkerei, verwandt genug mit der Weberei, um oft mit ihr verwechselt zu werden, aber doch ganz unterschiedlich, was den Entstehungsprozess anbelangt. Daher bestehe ich auch, wo immer das sinnvoll ist, auf der Unterscheidung zwischen Bildwirkerei und Weberei und lass mich auch gerne auf ein Gespräch dazu ein.

Wo haben Sie diese erlernt?

Ich habe eine wunderbare Zeit in Frankreich verbacht, an der Ecole d'art decoratif in Aubusson. Dort wurde Menschen wie mir, die wir aus unterschiedlichen Ländern und künstlerischen Bereichen kamen, im Rahmen eines mehrmonatigen Stipendiums die Grundlagen der Gobeintechnik beigebracht. Ich hatte ausgezeichnete Lehrer, die mir sowohl den Umgang mit dem Webstuhl als auch die Komplexität der Entwurfsarbeit nahe gebracht haben, und ich war eine aufmerksame Schülerin. Für mich war es eine Offenbarung dort einen Weg begehen zu können, der mich meine tief empfundene “Langsamkeit” als etwas positives wahrnehmen und in der gleichwertigen Verbindung von Zeichnung und Wirkerei ein Ausdrucksmittel entdecken ließ, dass genau meinem Wesen entspricht.

Foto: Jon Palomar

 

Wie verlief ihre künstlerische Laufbahn?

Nun, wie gesagt habe ich in Frankreich die Grundlagen der Gobelintechnik erlernt. Danach ging ich nach Spanien und wollte dort eigentlich meine Ausbildung fortsetzen. Doch dazu ist es nie gekommen. So habe ich nach der relativ kurzen Zeit in Frankreich begonnen, autodidaktisch zu arbeiten. Soweit das (Über)Leben mir Zeit liess, entstand eine Reihe an Arbeiten und damit die Möglichkeit, an Ausstellungen teilzunehmen. Nach und nach kamen immer mehr Ausstellungsbeteiligungen dazu, auch auf internationaler Ebene, und als das Werk größer wurde, die ersten Einzelausstellungen. Leider habe ich bis auf die letzten drei Jahre in Spanien nie so intensiv weben können, wie ich mir das gerne gewünscht hätte. Leider habe ich es in Spanien allerdings auch nie geschafft, eine Galerie zu finden, die sich dafür interessiert hätte, meine Arbeiten auf dem Kunstmarkt zu vertreten. Leider habe ich meine Arbeiten auf ihren Reisen um die Welt nicht immer begleiten können, um notwendige Verbindungen zu knüpfen. Leider hat das Leben mir nicht immer genug Zeit und Raum gewährt, um all das zu weben, was ich gerne in den bunten Fäden eingefangen hätte. ABER nach über dreißig Jahren webe ich nach wie vor mit der gleichen Intensität und Überzeugung und sehe das als meinen Beitrag, nicht nur zur Debatte über Kunst, Kunsthandwerk und die Bewahrung von immateriellem Kulturerbe, sondern auch als Resilienz- und Nachhaltigkeitstraining.

Foto: Jon Palomar

 

Welche Themen sind Ihnen Ihren Arbeiten wichtig?

Wenn ich auf die letzten 30 Jahre meines künstlerischen Schaffens zurückblicke, dann wird mir immer deutlicher, dass, so unterschiedlich die Bildinhalte auch sein mögen, es zwei Themen sind, die mich beschäftigen und die im Verbund miteinander, wenn auch in unterschiedlichen Verhältnissen, immer wieder in meinen Arbeiten vorkommen: die Dimension Mensch und die Dimension Zeit. Beides wird gerade in der Weberei (er)fassbar. Bei den Inhalten meiner Bildwirkereien geht es in wenigen Worten gesagt darum, wie ein Mensch als Frau, Mutter und Nomadin die Welt wahrnimmt, wo es sie freut, und wo es sie schmerzt hinzusehen.

Was inspiriert Sie?

Der Alltag. All die Fragen, die ich mir jeden Tag stelle. Warum bestimmte Dinge so geschehen und nicht anders. Die Menschen. Wie sie sich verhalten, auf der Strasse, in der U-Bahn, in der Kneipe. Die Kunst anderer, an den Wänden, im Museum, in den Büchern. Der Zufall, der mein Auge eine ganz bestimmte Ansicht einfangen und diese vom Gehirn gesondert vom restlichen visuellen Input in der “Vorratskammer” abspeichern lässt. Und die Natur. Sie ist eine geduldige und großzügige Lehrerin und eine nie versiegende Quelle der Inspiration.

Foto: Jon Palomar

 

Was verbindet Sie mit dem Tuchmacher Museum? Wie haben Sie es kennengelernt?

Nun, eigentlich ist es Annette Hülsenbeck, die mich mit dem Tuchmachermuseum verbindet. Unsere langjährige Freundschaft basiert unter anderem auf einem Austausch all dessen, was jede von uns privat durchlebt, aber natürlich auch beruflich realisiert. Da konnte das Tuchmachermuseum nicht fehlen. Daher freut es mich ganz besonders, dass sich jetzt die Möglichkeit geboten hat, meine Arbeiten, unter denen sich auch eine Leihgabe von Annette Hülsenbeck befindet, hier zeigen zu können und außerdem die Eröffnung gemeinsam zu erleben. Das ist ein großes Geschenk für mich, wofür ich dem Tuchmachermuseum sehr dankbar bin.

Jon Palomar

 

Was ist Ihr liebstes Kunstwerk?

Oh je, da kommt die am schwersten zu beantwortende Frage zum Schluss. Nun, natürlich gibt es viele Künstler*Innen, deren Arbeiten ich im Laufe der Zeit begegnet bin, die mich beeinflußt haben und die ich liebe. Wenn ich einen Blick über die Rücken der Ausstellungskataloge in meinem Regal schweifen lasse, dann lese ich dort Namen wie: Cy Twombly, Friedensreich Hundertwasser, Helene Schjerfbeck, Maruja Mallo, Joseph Beuys, Emil Nolde, Anselm Kiefer, Joachim Patinir, Paul Klee…. Übrigens genau so “durcheinander”. Im Augenblick beschäftigen mich kalenderbedingt die Bauhausfrauen, und meine neuste Arbeit zeigt Querverweise zu Hieronymus Bosch. Und dann gibt es noch eine Art “Bibel” für mich, eins jener Bücher die man immer mal wieder hervorholt und durchblättert: “Zahm und Wild” Baseler und Strassburger Bildteppiche des 15. Jahrhunderts, von Anna Rapp Buri und Monica Stuck-Schürer. Dort bleibe ich immer an ein und demselben Teppich hängen: “Metz Unmusse”, in Basel 1470/80 gewebt, stellt eine viel- oder besser gesagt überbeschäftigte Frau dar, die, umgeben von allerlei Haustieren, um die sie sich zu kümmern hat, auf einem Esel reitet, vorne ihr Kind trägt, hinten einen Korb mit Federvieh, und dabei spinnt. Seit Jahren trage ich den Gedanken in mir, diesen Teppich in die Gegenwart zu holen, was hoffentlich bald geschehen kann.

 

Ilka Thörner
14.03.2019 – 14:14 Uhr